Form- und Lagetoleranzen

Von einem Motor, der zuverlässig arbeitet, über die präzise Funktionsweise einer Uhr bis hin zur strukturellen Integrität einer massiven Brücke: Die Einsatzgebiete von Form- und Lagetoleranzen sind vielfältig und begegnen uns häufig, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Sie sind die unsichtbaren, aber entscheidenden Faktoren, die sicherstellen, dass die Produkte und Strukturen um uns herum nicht nur funktionieren, sondern auch die Sicherheits- und Qualitätsstandards erfüllen.

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Bemaßung der Form- und Lagetoleranzen bei einem Bauteil
© Carl Zeiss GOM Metrology GmbH

Was versteht man unter Form- und Lagetoleranzen?

Form- und Lagetoleranzen ist ein System zur Definition und Kommunikation geometrischer Anforderungen in der technischen Fertigung. Damit wird beschrieben, in welchem Umfang Form und Lage eines gefertigten Teils von den in den technischen Zeichnungen festgelegten Idealmaßen und -ausrichtungen abweichen dürfen./p>

Definition von Form- und Lagetoleranzen

Die ISO GPS definiert Form- und Lagetoleranzen als Teil der „Geometrischen Produktspezifikation (GPS)“ und beschreibt sie als zulässige Abweichungen von der idealen Form, Orientierung, Lage oder Rundlauf eines Bauteils. Sie legen fest, wie stark ein Merkmal geometrisch vom Sollzustand abweichen darf, ohne die Funktion zu beeinträchtigen.

Warum ist es so wichtig, die Form- und Lagetoleranz zu kennen?

Form- und Lagetoleranzen sind die zentralen Maßstäbe zur Bewertung der geometrischen Präzision von Bauteilen. Denn im Fertigungsprozess kann es zu Abweichungen von der Sollform und -lage kommen, durch die Funktion und Austauschbarkeit ganzer Baugruppen beeinträchtigt werden können. Diese unvermeidbaren Abweichungen sind tolerierbar, solange sie innerhalb der Grenzen liegen, die durch Form- und Lagetoleranzen festgelegt werden.

Ursachen für Abweichungen von Form und Lage

Die Abweichungen können aus verschiedenen Gründen während des Fertigungsprozesses entstehen. Mögliche Ursachen sind unter anderem Fertigungsfehler, Zerspankraft, Maschinenschwingungen oder auch Temperaturunterschiede. Die Kenntnisse über Form- und Lagetoleranzen sind also wesentlich für die Standardisierung in der Fertigungsindustrie.

Messung von Form- und Lagetoleranzen
bei Quality Analysis

Bemaßter Plan mit Form- und Lagetoleranzen
© Carl Zeiss GOM Metrology GmbH

Form- und Lagetoleranz und ihre Beziehung zur Maßtoleranz

Maßtoleranz, Formtoleranz und Lagetoleranz sind drei wesentliche Komponenten der Dimensionierung und Tolerierung von Produkten. Zusammengenommen gewährleisten sie die Präzision und Funktionalität von gefertigten Bauteilen.

Die Maßtoleranz (Größentoleranz) bezieht sich auf die zulässigen Abweichungen von den Abmessungen eines Bauteils. Diese Toleranzen definieren, wie groß oder klein ein Bauteil im Vergleich zu den angegebenen Maßen sein darf. Maßtoleranzen sind also auch grundlegend für die Passgenauigkeit von Bauteilen und haben direkte Auswirkungen auf ihre Austauschbarkeit.

Während Maßtoleranzen also die zulässigen Abweichungen der Größe festlegen, beschreiben Form- und Lagetoleranzen die geometrischen Toleranzen eines Bauteils.

Was ist der Unterschied zwischen Formtoleranz und Lagetoleranz?

Formtoleranzen geben an, wie stark die tatsächliche Form eines Bauteils von der idealen Geometrie abweichen darf, unabhängig von der Größe. Lagetoleranzen hingegen definieren die zulässige Abweichung der Position oder Orientierung eines Merkmals relativ zu anderen Elementen oder Referenzpunkten. Formtoleranzen sind entscheidend für die Funktion einzelner Bauteile, während Lagetoleranzen vor allem die präzise Montage und das reibungslose Zusammenspiel innerhalb einer Baugruppe sicherstellen.

Beispiele für Form- und Lagetoleranzen

Spezifische Formtoleranzen
Zu den konkreten Arten von Formtoleranzen zählen Geradheit, Ebenheit, Rundheit, Zylindrizität sowie Linien- und Flächenform. Dabei ist zu beachten: Linien- und Flächenprofile gelten nur dann als reine Formtoleranzen, wenn sie ohne Bezug angegeben sind. Wird ein Bezug genannt, handelt es sich um Lagetoleranzen.

Spezifische Lagetoleranzen
Im Bereich der Lagetoleranzen werden unter anderem die Position, Koaxialität, Parallelität, Winkligkeit und Ausrichtung (Orientierung) unterschieden. Sie beschreiben jeweils spezifische Anforderungen an die räumliche Beziehung zwischen verschiedenen Geometrieelementen.

Tolerierungsgrundsätze: Verhältnis der Toleranzarten

Um die Qualität und Funktionsfähigkeit von Bauteilen sicherzustellen, müssen Maß-, Form- und Lagetoleranzen im Zusammenspiel betrachtet werden. Während Maßtoleranzen grundlegende Abmessungen festlegen, sorgen Form- und Lagetoleranzen dafür, dass die Teile korrekt funktionieren, wenn sie innerhalb der Maßtoleranzen liegen. Allerdings besteht kein Zusammenhang, wenn es um ihre Festlegung geht.

Das Unabhängigkeitsprinzip (ISO 8015)

Nach ISO 8015 gilt in der technischen Zeichnung standardmäßig der Grundsatz der Unabhängigkeit. Das bedeutet: Maß-, Form- und Lagetoleranzen dürfen unabhängig voneinander auftreten und werden separat geprüft und beurteilt. Beispielsweise kann ein Bauteil innerhalb seiner Maßtoleranzen liegen, aber ohne angemessene Form- und Lagetoleranzen könnte es dennoch funktionsunfähig sein, da es möglicherweise nicht richtig in das Gesamtgefüge passt oder nicht die erforderliche strukturelle Integrität aufweist.

Das Hüllprinzip

Früher als allgemeiner Standard verwendet, ist das Hüllprinzip seit der Einführung der EN ISO 14405 nach dem Rückzug der DIN 7167 im Jahr 2011 nur noch ein Sonderfall. Es besagt, dass Bauteilmerkmale innerhalb einer geometrischen Hülle bleiben müssen, die durch die Toleranzen vorgegeben ist, um sicherzustellen, dass Bauteile korrekt passen. Es muss explizit auf technischen Zeichnungen durch die Bezeichnung „Size ISO 14405 E“ über dem Schriftfeld gekennzeichnet werden. Fehlt diese spezifische Kennzeichnung, gilt nach dem aktuellen Standard automatisch das Unabhängigkeitsprinzip.

Wie misst man Form- und Lagetoleranzen?

Es gibt verschiedene Methoden und Messgeräte, um Form- und Lagetoleranzen zu messen und so sicherzustellen, dass Bauteile die Anforderungen für Präzision und Qualität erfüllen. Während für die Maßtoleranz ein Messschieber oder eine Mikrometerschraube, die zwischen zwei Punkten gemessen wird, zum Einsatz kommt, werden für die Messung von Form- und Lagetoleranzen spezialisierte Messinstrumente eingesetzt.

Taktile Messung

Die taktile Messung mittels 3D-Koordinatenmessgerät überzeugt durch ihre Genauigkeit. Hier wird per Tastkugel das Bauteil Punkt für Punkt abgetastet. Die getasteten Punkte werden dabei zur Auswertung der Form und Lage des Bauteils genutzt, einschließlich der Bestimmung von Position, Flächenform und anderen geometrischen Eigenschaften. Die taktile Messung ermöglicht so höchste Genauigkeit im tausendstel Millimeter Bereich. Dadurch ist sie ideal für die Prüfung von Werkstücken, bei denen nur geringste Toleranzen akzeptabel sind. Im Vergleich zur Messung mittels Computertomographie ermöglicht die taktile Methode außerdem das Messen in Zwangslage und die Messung großer oder sehr schwerer Objekte.

Optische Messung

Optische Messsysteme, etwa Laser-Scanner oder kamerabasierte Messsysteme, sind ideal, um Oberflächen von Bauteilen schnell und berührungslos zu erfassen und zu einem digitalen Abbild des Bauteils zu verarbeiten. Dadurch eignet sich diese Methode besonders für komplexe Geometrien, Freiformflächen und empfindliche Materialien, da das Bauteil während der Messung nicht physisch beeinflusst wird. Die gewonnenen Messdaten können anschließend mit den vorgegebenen CAD-Daten verglichen werden, um Form- und Lageabweichungen sowie geometrische Abweichungen zuverlässig zu erkennen.

Industrielle Computertomographie

Form und Lage kann außerdem effektiv mittels Computertomographie (CT) gemessen werden. Dieses Verfahren ist ideal, um komplexe Bauteile aus flexiblen oder reflektierenden Materialien zu vermessen und – im Gegensatz zur optischen Messtechnik – so auch innenliegende Geometrien zu erfassen. Die industrielle Computertomographie ermöglicht es also, Bauteile sowohl innen als auch außen zu vermessen, und das ganz zerstörungsfrei.

Analyse und Auswertung

Zur Auswertung der Messdaten kann spezielle Software zum Einsatz kommen, wie die ZEISS Inspect Pro, die die Datenauswertung nach der Messung mit einem optischen Messgerät oder einem Computertomographen übernimmt. Die Software ermöglicht es, die Form- und Lagetolerierung zu inspizieren und zu visualisieren, Prüfungen zu erzeugen und Ausrichtungsmethoden und Bezugssysteme anzuwenden. So können etwa Flächenformen, Rundheiten und Konzentrizitäten ausgewertet und visualisiert werden.

Dokumentation der Messergebnisse

Die Ergebnisse werden in der Regel in einem Messprotokoll dokumentiert und häufig in technischen Zeichnungen oder CAD-Modellen zusammen mit den Toleranzangaben dargestellt. Diese Integration ermöglicht eine klare und präzise Darstellung der Spezifikationen und Anforderungen.

Die Dokumentation spielt eine entscheidende Rolle in der Qualitätssicherung und fungiert als Nachweis dafür, dass die Bauteile den spezifizierten Toleranzen entsprechen. Eine VDA-gerechte Protokollierung kann zusätzlich zur Einhaltung bestimmter Standards in der Automobilindustrie beitragen. VDA-Normen legen fest, wie Messergebnisse zu dokumentieren sind, um eine einheitliche und normkonforme Berichterstattung zu gewährleisten. Eine solche Protokollierung erleichtert nicht nur die Qualitätssicherung, sondern dient auch als rechtlicher Nachweis für die Einhaltung spezifizierter Toleranzen.

Zeichnungseinträge und Symbole nach Norm ISO 1101

Technische Zeichnungen und Angabe der Toleranzen

Technische Zeichnungen sind ein essenzielles Werkzeug, um die Konstruktion und Fertigung von Bauteilen zu planen und zu steuern. Die Angabe von Toleranzen auf diesen Zeichnungen erfolgt dabei durch Zeichnungseinträge und Symbole.

Toleranzrahmen und Symbole nach ISO 1101

Form- und Lagertoleranzen werden typischerweise in einem Toleranzrahmen auf den Zeichnungen angegeben, der die gesamte Breite der Toleranzzone definiert. Auf technischen Zeichnungen können sie symmetrisch oder asymmetrisch angegeben werden. Diese Toleranzangaben werden durch spezifische Symbole und Notationen standardisiert. Geregelt werden die Zeichnungseinträge und Symbole durch die Norm ISO 1101. Die Angaben der Toleranzen bieten präzise Anweisungen für Ingenieure und Techniker, um die geforderte Genauigkeit bei der Herstellung und Prüfung von Bauteilen sicherzustellen.

Durch Bezugspfeile wird der Toleranzrahmen mit dem tolerierten Element verbunden. Die Position der Pfeilspitze bestimmt dabei, ob die Fläche oder die Mittelebene gemeint ist. Durch die Beachtung dieser Toleranzangaben wird gewährleistet, dass die gefertigten Teile den vorgegebenen Standards entsprechen und somit höchsten Qualitätsansprüchen genügen.

Form- und Lagetoleranz kurz zusammengefasst

Form- und Lagetoleranzen beschreiben die zulässigen Abweichungen von der idealen Geometrie und Position eines Bauteils. Formtoleranzen beziehen sich auf die Form eines Bauteils, während Lagetoleranzen die genaue Position von Bauteilen relativ zueinander festlegen. Diese Toleranzen sind entscheidend für die Passgenauigkeit und Funktionalität in einer Baugruppe.

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